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Antonio de Oliveira Salazar – vielverleumdeter katholischer Staatsmann in neuem Licht

FalkMedien - Jens Falk
30.07.2021 / Rezensionen


Das Kreuz und Fatima im Estado Novo
António de Oliveira Salazar (1940)

Von Wolfram Schrems

Mit größtem Interesse nimmt man als politisch und historisch interessierter Katholik eine kleine, feine Neuerscheinung über einen der bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten zur Kenntnis. Unter dem unspektakulären Titel Nationale Revolution und autoritärer Staat, Drei Reden brachte der Antaios-Verlag im vergangenen Jahr anläßlich des 50. Todestages von Antonio de Oliveira Salazar ein dünnes Bändchen mit drei Ansprachen Salazars und einem ausführlichen Nachwort heraus. Das ist nun wirklich von großer Bedeutung.

Denn erstens ist es immer gut, der Wahrheit die Ehre zu geben: Salazar hat in der „offiziellen“ Geschichtsschreibung des deutschen Sprachraums völlig zu Unrecht einen schlechten Ruf und wird normalerweise als „Faschist“ verunglimpft.

Zweitens wäre Salazar sozusagen das fehlende Puzzleteil in Michel Onfrays lesenswerter Theorie der Diktatur, die vor kurzem hier besprochen wurde: Onfray ging ja vom Werk George Orwells aus, das vor der bösartigen, totalitären, im Kern satanischen Diktatur warnte. Onfray hatte daher diejenige verantwortungsbewußte und nicht selbstzweckhafte Diktatur, die zugunsten des Wohls aller eingreift, um Schlimmeres zu verhindern, zu wenig im Blick.

Und drittens ist Antonio de Oliveira Salazar derjenige Staatsmann, der sich den Plänen der göttlichen Vorsehung zur Verfügung stellte. Die gläubige Sicht auf die Geschichte erkennt in der Regierung Salazars den Segen, der aus den Ansätzen zur Bekehrung des Landes im Gefolge der Erscheinungen von Fatima 1917 und besonders aus der Weihe Portugals an Unsere Liebe Frau von Fatima durch die Bischöfe (1931 und 1938) erfloß: Portugal wurde aus dem Weltkrieg gehalten, es wurde zum Transitland für Flüchtlinge, unter ihnen viele Juden, nach dem Krieg wurde es lange vor dem Zugriff internationaler Mächte bewahrt.

Salazar: Katholik, Gelehrter, Staatsmann

Salazar wurde am 28. April 1889 im nordportugiesischen Dorf Vimieiro in einfachen Verhältnissen geboren. Er wollte zunächst Priester werden, verließ aber (gemäß einer Quelle nach der Weihe zum Subdiakon) das Seminar und studierte mit brillanten Ergebnissen Jus, Ökonomie und Verwaltung an der Traditionsuniversität Coimbra. Er wurde Professor, Finanzminister und später Regierungschef. Er gründete den „Neuen Staat“ (Estado Novo). Er lebte eine „mönchische Bescheidenheit“ (84) und opferte mögliches familiäres Lebensglück einem „Leben in einsamer Pflichterfüllung“ (85).

Ein kleiner Unfall, der schwerere Komplikationen nach sich zog, machte ihn im Jahr 1968 amtsunfähig. Er starb am 27. Juli 1970. [1]

In Portugal steht er bei vielen in hohem Ansehen:

„Als der staatliche portugiesische Fernsehsender RTP Anfang des Jahres 2007 einen Wettbewerb durchführte, bei dem die Zuschauer über den größten Portugiesen abstimmen konnten, wurde Salazar mit 41 Prozent der Stimmen Sieger“.

(96)

Damit zu den „drei Reden“:

„Staat und Revolution“

Salazar hielt am 28. Mai 1930 zum vierten Jahrestag der Erhebung der Armee eine Ansprache unter dem Titel Staat und Revolution. Er stellte fest, daß davor jahrelanges Chaos in Politik und Wirtschaft geherrscht hatte, „Spekulation und Abenteuer“, „schrankenlose[r] Wucher“ und „Schmarotzertum“ (13). Salazar verteidigt das Eingreifen des Militärs mit einleuchtenden Gründen:

„Die Diktatur hob Rechte auf, welche die Nation in Wirklichkeit gar nicht mehr ausübte, brachte die einen zum Schweigen, gewährleistete allen Ruhe und Sicherheit und schuf so die Voraussetzung für eine fruchtbare Arbeit der Regierung“.

(14)

Salazar spricht deutlich aus, daß zeitgenössische Regierungen ihren Völkern nicht sagen, auf welchen weltanschaulichen Grundlagen diese ihre Politik machen. 1910 hatte sich in Lissabon eine freimaurerische Clique an die Macht geputscht, seitdem war alles „Freiheit“ und „Republik“ und „Gleichheit“. Was aber genau bedeutete das? Da wir vor kurzem in Österreich auch eine angeblich neutrale Expertenregierung („nur verwalten, nicht gestalten“) hatten, zitieren wir Salazar zum Thema ideologische Grundlagen des Regierens:

„Äußerlich erscheint sie [die Verwaltung] nur als Betrieb, dahinter aber steht bei der wahren Verwaltung immer eine Auffassung vom Staat und seiner Bestimmung, von der Regierung und ihren Grenzen, vom Recht, vom Reichtum und seinem Wert für die Gemeinschaft, das heißt eine wirtschaftliche und politische Weltanschauung. Wehe der Regierung oder besser: wehe dem Volk, dessen Regierung nicht in der Lage ist zu sagen, in welchem Geiste sie das Volk führt

(23). (Hervorhebung WS)

Salazar ist sich der Verantwortung bewußt, mit der Macht behutsam und im Sinne des Gemeinwohls umzugehen (25).

„Die Neuordnung der Wirtschaft“

In einer Rundfunkrede vom 16. März 1933, drei Tage vor der Volksabstimmung über die neue Verfassung, sprach Salazar die Würde der Arbeit an. Wirtschaft hat den Menschen zu dienen, das Kapital ist nicht Selbstzweck:

„Es existiert in der Tat im heutigen Gemeinwesen eine Krise, die viel schwerer ist als die der Währung, der Wechselkurse, des Kredits, der Preise, der Finanz, viel schwerer, weil sie allen zugrunde liegt: ich meine die Krise des wirtschaftlichen Denkens, oder besser die Krise unserer Wirtschaftsauffassung. Wir haben den Begriff des Vermögens verfälscht. Wir haben ihn losgelöst von seinem eigentlichen Sinn, dem nämlich, dem Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. […] Wir haben den Begriff der Arbeit verfälscht und den der Person des Arbeiters, wir haben seine Menschenwürde außer acht gelassen“.

(29f)

Familie und Patriarchat sind Quell der Stabilität und entsprechen den Bedürfnissen und Anliegen des Menschen. Salazar richtet sich hier mehr oder weniger ausdrücklich gegen das Manifest der Kommunistischen Partei, das bekanntlich Privateigentum und Erbrecht abgeschafft sehen möchte.

So zu denken ist heute verboten, denn es herrscht in Kirche und Staatenwelt die Ideologie des Progressivismus. Aber Salazar ließ sich von diesem Schlagwort nicht täuschen und kontert schlagfertig:

„[N]icht jedes Fortschreiten bedeutet Fortschritt, und Rückständigkeit kann besagen, daß man sich nicht zu weit von den Grundlagen einer rationellen Wirtschaft entfernt hat“.

(48f).

Für unsere heutige Zeit, in der die europäischen Staatsmänner und die Brüsseler Bürokratie fast ausschließlich aus verblendeten Ideologen bestehen, ist die Weisheit eines Denkers in der Politik wohl zu beachten:

Wir sind entschlossen, die werktätige Bevölkerung von ihren falschen Propheten zu befreien und mit der Tat zu zeigen, daß keine wirtschaftliche Frage uns trennt, sondern im Grunde – wie ich eben gezeigt habe, damit sich die Augen öffnen – eine andere Lebensauffassung, eine andere Auffassung von der Zivilisation. Wir müssen uns entscheiden, ob wir gewillt sind, das Unvergängliche, Ewige, Einmalige unseres lusitanischen, lateinischen und christlichen Erbes uneingedenk seines Wertes an eine barbarische Zeit zu verraten, oder nicht“

(49f). (Hervorhebung WS)

„Die Errungenschaften der nationalen Revolution“

In einer Rede am 26. Mai 1936 in Braga sprach Salazar anläßlich der Zehnjahresfeier der nationalen Erhebung in einer Kundgebung für das Heer. Manche Formulierung wird uns heute befremden.

Dem katholischen Staatsmann Salazar ist die Auflösung des Glaubens und der Gewißheiten durch den Liberalismus ein Greuel und entsprechend äußert er sich. Salazar instrumentalisiert nicht den Glauben für die Politik und er läßt der Kirche volle organisatorische Freiheit. Sein Anliegen ist, daß der Mensch und das Gemeinwesen in der Wahrheit gründen.

Portugal war seit dem 15. Jahrhundert eine bedeutende Seemacht, die Kolonien errichtete und das Evangelium vielen Völkern brachte. Der geschichtsbewußte Portugiese weiß das und kontrastiert das mit zeitgenössischen Pseudoevangelisten, gemeint sind wohl die USA und die Sowjetunion:

„Man hat dies dem portugiesischen Volk tief eigentümliche, dabei vergeistigte und selbstlose umfassende Streben in die Weite als Berufung und Sendung bezeichnet. Jedenfalls hat es nichts zu tun mit jener fragwürdigen internationalen Menschheitsbeglückung unserer Tage, die da will, daß fremde Grenzen niedergerissen werden, damit sich auf Kosten anderer die eigene Macht vergrößere“.

(57)

Nüchternheit der Politik als Gegenmittel zu pseudomessianischen Utopien

Das Kreuz und Fatima im Estado Novo
Das Kreuz und Fatima im Estado Novo
Gott, Vaterland, Autorität, Familie, Arbeit, das sind die Grundpfeiler des Estado Novo. Dieser wurde von vielen als „langweilig“ bezeichnet. Denn es ist ein „schlanker“ Staat, ein Staat, der nicht – wie Kommunisten und Faschisten es tun – totalitär in das Leben der Bürger eingreift. Schrille, hysterische Massenkundgebungen wie bei Stalin und Hitler gab es nicht. Salazar war ein trockener Typ, öffentlichkeitsscheu und bescheiden. Seine Reden, wie man an den hier gebrachten Beispielen sieht, waren oft anspruchsvolle Erörterungen. Er las sie ohne rhetorischen Aufwand vom Blatt ab. Salazar war kein Volkstribun, kein Utopist, kein Rattenfänger. [2]

Salazars Staat war nüchtern. Das Leben muß so und anders bewältigt werden. Keine Utopie kann die Prüfungen des Lebens verhindern. Darum ist es angemessen, nüchtern, rein und gläubig zu sein. Salazar sagt es beinahe poetisch:

„Das Leben ist hart, voller Unbill, Bedrängnis, Entbehrung, Ungerechtigkeit, die, scheint es, niemand beheben kann. Doch traut ist das Heim, und ein höherer Glanz kommt in das Dasein: da ist die alte Kirche mit ihrem Platz, und alle haben von dem Ihren, mit Gaben und Arbeit, dazu beigetragen; da ist auch der Friedhof. Hier wie dort ein wahres Arbeiten im Schweiße des Angesichts, die Sorge um das Tägliche, das Erbe des Bluts, die innere Verpflichtung. Und klar erheben sich diese Forderungen: nach Arbeit, nach Boden, nach reinem Familienleben, nach innerer Gewißheit“.

(62)

Nachwort von Erik Lehnert

Ein wertvolles Nachwort des promovierten Philosophen und wissenschaftlichen Leiters des Instituts für Staatspolitik (IfS) Erik Lehnert erklärt die historischen Zusammenhänge und die Rezeption Salazars in Deutschland, etwa durch Franz Josef Strauß (eine längere Version findet man hier). [3]

Lehnert macht klar, daß Salazar trotz anfänglicher Begeisterung für Mussolini (eine Begeisterung übrigens, die er mit so manchem Staatsmann diesseits und jenseits des Atlantiks teilte) dessen paganen Cäsarismus schließlich ablehnte. Faschistenführer Francisco Rolão Preto mußte 1935 das Land verlassen (!).

Nach Lehnert muß allerdings auch zugegeben werden, daß Ende der 50er Jahre Portugal arm geblieben war. Das führte tragischerweise zu Kritik der Kirchenhierarchie an Salazar, der dann die Bischöfe zur Loyalität aufrief und den Initiator der Kritik, den Bischof von Porto, des Landes verwies (89f).

Äußerst tragisch ist auch, daß die „Nelkenrevolution“ vier Jahre nach dem Tod Salazars von linken Militärs mit Unterstützung der Kirche durchgeführt wurde (95).[4]

Salazar hatte zwar per verfassungsgemäßem Nachfolgemechanismus für die Zeit nach seinem Tod vorgesorgt, aber eine sehr lange Regierungszeit verhindert natürlich die Etablierung eines geeigneten und vom Volk akzeptierten Nachfolgers. Juristendekan Marcelo Caetano meisterte die Aufgabe nicht, den kommunistischen Terror in den Überseegebieten wirksam zu bekämpfen. [5]

Ob die Restauration der Monarchie gut und sinnvoll gewesen wäre, bleibt Spekulation. In Spanien hat diese den religiösen und kulturellen Verfall nicht verhindert.

Resümee

Die ausgewählten Reden enthalten Perlen politisch-philosophischer Verständigkeit und lauterer, gläubiger Gesinnung eines der bedeutendsten europäischen Staatenlenker im 20. Jahrhundert. Die Publikation läßt ihn nach Jahrzehnten der Verleumdung in neuem Licht und sozusagen rehabilitiert erscheinen.

Zu beanstanden ist lediglich ein winziges Detail: Lehnert zitiert Friedrich Sieburg, der 1937 schrieb, daß Salazar die Menschen „nicht liebt“ (82). Sieburg meint wohl, wie aus dem Zusammenhang hervorgeht, daß sich Salazar keine Gefühlsausbrüche und keine Anbiederung erlaubte. Daß er seinem Volk nicht wohlwollend gesonnen gewesen sein soll, wäre jedoch eine absurde Meinung, die ja durch Leben und Botschaft Salazars widerlegt ist. –

Dem Verlag ist zu dieser wichtigen Publikation zu gratulieren. Er produzierte – wissentlich oder nicht – eine gerade für politisch und historisch interessierte Katholiken wichtige Schrift, ein leicht mitzuführendes Vademecum, das man auch gerne verschenkt.[6]

Der Kirchenhierarchie wird man empfehlen können, die offenbar rein politisch motivierte Seligsprechung Robert Schumans abzusagen und dafür Antonio de Oliveira Salazar seligzusprechen.

Oliveira Salazar, Nationale Revolution und autoritärer Staat – Drei Reden, Verlag Antaios, 2020 Schnellroda, 96 Seiten, 8,50 €. Hier versandkostenfrei bestellen.